Einführung in die Ausstellung

Renate Neuser: Eine Welt wundersamer Dinge

Eine Werkschau mit Bildern und Objekten im Augustinum Essen

Rede zur Ausstellungseröffnung am 11. Januar 2024

Liebe Bewohnerinnen und Bewohner, liebe Gäste!

Herzlich willkommen zu einer Ausstellung mit Zeichnungen und Objekten der Künstlerin Renate Neuser. Es freut mich sehr, Renate Neuser heute Abend hier begrüßen und eine Auswahl ihrer Zeichnungen und Objekte zeigen zu können.  

Es handelt sich dabei nicht um eine Verkaufsausstellung, sondern um eine kleine Werkschau wie in einem Museum. Die Zeichnungen und Objekte sind alle im Besitz der Künstlerin und sollen es ihrem Wunsch entsprechend auch bleiben.

Nun einige Worte zu ihrem Lebenslauf:

Renate Neuser wurde 1939 in Kiel geboren

Nach dem Studium an der Muthesius Werkkunstschule Kiel und an der Hochschule für Bildende Künste in Stuttgart erhielt sie 1966 ein DAAD-Stipendium in Paris. Diesem folgte ein Aufenthalt in Boston/USA (1971) und zwischen 1983 und 2003 weitere Stipendien im In- und Ausland. Von 1977 bis 1981 hatte sie einen Lehrauftrag an der Universität Essen GHS und seit 1996 ist sie aktives Mitglied im Kunsthaus Essen, wo sie auch ihr Atelier hat.

Ihre Werke zeigte sie bisher in 20 Einzel- und 30 Gruppenausstellungen und 15 Projekten.

Im März 2023 sah ich die Ausstellung Auf Sockeln und Gestellen. Objekte von Renate Neuser in der Galerie Gublia, Essen. Fasziniert genoss ich dort einen Rundgang zwischen ihren phantasievollen Objekten aus künstlerisch verfremdeten Alltagsgegenständen. An den Wänden hingen zarte Farbzeichnungen, die einem Biologie-Buch hätten entstammen können.

Begeistert schlug ich unserer Kulturreferentin Angelika Berenbrink vor, Renate Neuser für eine Ausstellung einzuladen. Nach einem gemeinsamen Gespräch und einigem Schriftwechsel hatten wir Renate Neuser überzeugt, ihre Werke in der Augustinum Seniorenresidenz auszustellen. Nachdem ich grünes Licht von Künstlerin und Kulturreferentin erhalten hatte, besuchten mein Freund Norbert Meier und ich ihr Atelier, um Bilder und Objekte für die Ausstellung auszusuchen. Dabei fiel mir auf, wie behutsam sie mit ihren Werken umgeht, als seien es „ihre Kinder“.

Sie selbst beschreibt ihre Arbeit so:

Ich verwende unterschiedlichste Materialien: Papier, Zellglas, Karton, Stoffe, Hölzer, Draht, Schnüre, Stearin, Silikon, Sande, Sägemehl u.s.w.…und ich benutze Vorgefundenes. Dieses wird auf vielfältige Weise behandelt – verbogen verklebt, gewachst, gehärtet, durchbrochen, umwickelt, vernäht insgesamt verändert … verrätselt.

So ist auch ihr Atelier ein ungewöhnlicher Ort und der Eintritt in diesen Kosmos beschreibe ich am besten mit den Worten der Kunsthistorikerin Dr. Barbara Weyandt:

Wer das Atelier oder eine Ausstellung von Renate Neuser besucht, betritt eine Welt wundersamer Objekte. Ob die bizarren Gebilde in Regalen lagern oder museal aufbereitet präsentiert werden: stets stellt sich der Eindruck ein, einen fantastischen, poetischen Kosmos ganz eigener Prägung betreten zu haben …

und fahre gerne fort mit einem Zitat der Kunsthistorikerin Dr. Carola Schneider:

… Hier entstehen Objekte, Zeichnungen und Installationen, die den Betrachter in eine fremde Welt entführen, die komisch sind und zugleich beängstigend, phantasievoll und zugleich nüchtern-wissenschaftlich anmuten. Sie zeigen Element aus Fauna und Flora, Wiedererkennbares, verfremdete Fragmente unserer Alltagswelt aus Baumarkt, Haushalt, Spielzeug und Comic. Aus diesen Materialien entsteht ein merkwürdiger Kosmos von Lebewesen, die zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit oszillieren. Das Spektrum reicht von zauberhaft zarten botanischen Zeichnungen zu schrillen, knalligfarbenen Objekten. Mimesis und Neuerfindung entfalten eine hybride, verschlungene Tier- und Pflanzenwelt….

So lauten auch die Namen zwei ihrer typischen Ausstellungen Skurilia & Subtilia, Neo Bio.

Die Objekte tragen Namen wie Stelzenrobot, Gefäßschnorchler, hörniger Stachelsegler, Papperlapapp, Drehjambus … um nur einige zu nennen.

In unseren Vitrinen sehen Sie Becherling, Pincusverticus, Kräuselbeere, pinkäugige Tiefseeschönheit und Steckblatt. Es sind hintersinnige pseudobiologische Fachbezeichnungen, die uns überraschen, träumen und lächeln lassen oder nachdenklich machen.

Die Objekte sind keine Skulpturen wie wir sie im herkömmlichen Sinne kennen, die seit der Antike bis heute von Künstlern mit großer Kraft aus Stein, Metall oder Kunststoff geschaffen wurden. Es sind vielmehr sogenannte Weiberstücke aus Karton, Pappmaché, Stoff, Zellglas (bekannt auch als Einmachfolie!)  oder mit diesen Materialen verfremdete Alltagsgegenstände und Fundstücke. Sie sind leicht und luftig und nicht in der Absicht auf ewige Haltbarkeit geschaffen.

Zu Ihren Zeichnungen zitiere ich hier nochmals Barbara Weyandt:

Der spielerische Umgang mit einer technobiotischen Sprache ist integraler Teil ihrer Schöpfungen … Ihre Farbzeichnungen, oft in Serie, enthalten ebenfalls Elemente aus Fauna und Flora. Auch hier entsteht eine Welt voller Phantasie.

Die hier ausgestellten Zeichnungen kommen aus den Serien Naturalien, Herbarien und Neo Bio. Die im Stil abweichenden Zeichnungen aus der Serie Paris entstanden während ihres Aufenthaltes als Artist in Residence 2017 in Paris.

Ihr letztes Projekt war im Kunsthaus Essen am 5. November 2023 die Kunstperformance unter dem Titel Der Gesang der Skulpturen, gemeinsam mit der Cellistin Anna Betzl-Reitmeier und dem Pianisten Hajo Wiesemann, die auch unsere heutige Eröffnung musikalisch begleiten. Vielleicht können wir einmal diese Performance auf unserer schönen Bühne aufführen.

Für mich ist die Künstlerin eng mit der Bilderwelt der Surrealisten verbunden. Auch diese haben die aus ihren Phantasien, ihren Träumen, ihren Psychosen und Zufallsfunden entstandenen tier- und pflanzenähnlichen Bildern und Skulpturen verfremdet dargestellt und irritierende ungewöhnliche Namen gegeben.

Die Werke von Renate Neuser würden auch in eine Sonderausstellung im Max-Ernst-Museum Brühl passen. Sie haben nun das Glück, sie hier zu sehen! Dafür vielen Dank, Renate Neuser!

Für die Unterstützung bei der Vorbereitung der Ausstellung und die musikalische Begleitung danke ich Anna Betzl-Reitmeier, Hajo Wiesemann, Volker und Lisa Wagenitz vom Verein Kunst am Moltkeplatz, Norbert Meier und aus dem Haus Angelika Berenbrink, Rudi Dreier und der Haustechnik …

und Ihnen allen für Ihre Aufmerksamkeit.

Gisela Delis-Ngom

11. Januar 2024

zur Bilderstrecke von der Vernissage hier.